Meine Tochter fragte mich letzthin:» Warum ist Pippi so stark?» Mir fiel auf Anhieb keine passende Antwort ein.

Als ich nun heute Morgen im Wald war, sass ich auf einer Bank und verband mich ganz mit der Natur. Ich war ganz EINS mit allem und genoss diesen Zustand. Als ich mich wieder aufmachte, um weiter zu gehen, wurde mir einmal mehr klar, dass ich ganz in meiner Welt unterwegs war.

Wenn ich einen Fuss aufsetzte wusste ich, dass ich auf mir stand, wenn der Wind mir die Haare ins Gesicht blies, war das ich, wenn ich den Wurm vom trockenen Weg zurück auf den feuchten Waldboden legte, legte ich in Wahrheit mich selbst zurück in Sicherheit.

Wenn uns bewusst ist, dass wir eins sind mit allem dann können wir nicht mehr anders als Sorge zu tragen zu allem was ist. Es ist eine Wechselwirkung. So auch, wenn wir von Herzen Sorge zu unserer Umwelt tragen, dann tragen wir Sorge zu uns selbst.

In diesem Zuge wurde mir bewusst, dass wir unsere Welt immer so sehen, wie wir sie uns machen. Wenn wir getrennt sind vom grossen Ganzen oder von Gott, dann machen wir alles andere für unser Wohl oder Unwohl verantwortlich. Wenn wir EINS sind dann ist alles was uns begegnet ICH. Oder anders herum, wenn ich alles bin was mir begegnet (wie ich beschrieben habe), dann sind wir EINS mit Gott.

Wenn also unsere Kinder gerade mal schwierig sind, zeigen sie uns nur einen Teil von uns, den wir ablehnen und genau dann sind wir getrennt von unseren Kindern (Diese Teile werden in der Psychologie auch Persönlichkeitsanteile genannt). Es sei denn, wir sehen das Verhalten des Kindes und können dieses annehmen und dieses auch lieben. Dann sind wir wieder verbunden.

Wie können wir das anziehen, was wir uns wünschen?

Das heisst wenn wir z.B. vor einer schwierigen Entscheidung stehen, dann heisst es zu wissen was wir uns tief im Herzen wünschen und das dann genau so ins Leben zu holen. Es ist ein bisschen wie «ein Tun als ob». Wenn wir ganz der Überzeugung sind, ohne zu zweifeln, dass es schon so ist, dann ist das so. Und da komme ich nun zurück zu Pippi und warum sie so stark ist.

Pippi hat, wie wohl viele von euch wissen, keine optimale familiäre Ausgangslage. Sie lebt ohne Mutter und Vater mit ihrem Pferd und einem Äffchen in ihrer Villa Kunterbunt. Ihr Vater ist Seemann und stets irgendwo gefangen oder auf See. Pippi wird begleitet von ihren Freunden, den Geschwistern Tommy und Annika. Pippi ist stets fröhlich, kreativ und eben sehr stark und hat für alles eine Lösung. Sie macht sich ihre Welt wie sie im Lied singt, genauso wie sie ihr gefällt? und das geht nur weil sie so fest überzeugt ist, dass sie das kann. Sie ist auch davon überzeugt, dass sie nicht alleine ist und dass sie auf sich selbst aufpassen kann. Sie ist sehr verbunden mit ihrer Intuition und tut genau das was sie spürt. Deswegen ist Pippi tatsächlich eine sehr starke Persönlichkeit und Astrid Lindgren hat das genau getroffen.

Also die Antwort auf die Frage meiner Tochter: «Warum ist Pippi so stark?» lautet: Weil sie bis ins Tiefste überzeugt ist von ihrer Stärke! Sie zieht etwas anderes gar nicht in Erwägung. Es ist so.

Was hat das jetzt alles mit Hochsensibilität zu tun?

Hochsensible Kinder fordern um einiges mehr die Aufmerksamkeit der Eltern, als sensible Kinder. Da ist auch klar, dass die Eltern vermutlich schneller an ihre äussersten Grenzen stossen. Wenn wir anstatt, die Kinder zu Gehorsam zu bringen mit Belohnung, positiver Verstärkung oder Bestrafung, vielmehr den Hintergrund ihres Verhaltens sehen, dann können sie zu echten Pippis werden. Wir können sie trotz des scheinbar unangepassten Verhaltens umarmen und ihnen sagen wie sehr wir sie lieben.

Das heisst natürlich nicht, dass wir nun jedes Verhalten tolerieren sollen, sondern es ist eine Aufforderung gemeinsam mit den Kindern einen Weg zu finden, ohne sie mit Belohnung, positiver Verstärkung oder Bestrafung nach unseren Wünschen zu steuern und zu kontrollieren.

Für Pippi ist v.a. die gute Beziehung zu ihrem Vater mitverantwortlich, dass sie so sein kann wie sie ist. Obwohl er selten da ist, zeigt er ihr genau dann, wenn er da ist, wie sehr er sie liebt und lässt sie so sein wie sie ist. Damit gerade unsere hochsensiblen Kinder zu intuitiven, verbundenen Kindern werden, kommt es darauf an wie unsere Liebe bei ihnen ankommt und nicht was wir glauben zu senden. So ist Pippi eine starke Persönlichkeit und lernt was sie lernen muss durch Erfahren und nicht durch die Schule, die sie ohnehin nicht versteht.

Übertragen könnte das für unsere hochsensiblen Kinder heissen, dass wir sie ermutigen in unserem kontrollierenden System, selbst zu entdecken und zu erfahren, selbst Lösungen zu finden und für sich einzustehen, ohne sie zu kontrollieren. Dabei ist unsere Rolle als Eltern die des sicheren Hafens. Wir fangen sie auf, wenn etwas nicht rund läuft oder sind einfach der Ort zum Tanken.