Ich habe schon während meiner Arbeit als Ergotherapeutin immer wieder erlebt, dass Kinder mit AD(H)S sich oft gut konzentrieren konnten, gerade wenn ihnen etwas sehr entsprach. Das hat mich immer wieder irritiert, so habe ich doch gelernt, dass Kinder mit einem AD(H)S sich auf nichts für einen längeren Zeitraum konzentrieren können.

Und genau da liegt ein grosser Unterschied zur Hochsensibilität, den ich euch nun gerne aufzeigen möchte.

Birgit Trappmann* hat in diesem Bereich geforscht und ist zu folgendem für mich sehr einleuchtenden Ergebnis gekommen.

Sie veranschaulicht ihre Erkenntnisse so:

Damit das Diagramm verständlicher wird, gehe ich nachfolgend genauer auf die einzelnen Begriffe ein.

Analytischer und Holistischer Wahrnehmungs- und Denkstil

Die Mehrheit unserer Bevölkerung verarbeitet Informationen analytisch und darauf ausgerichtet ist auch unser Schulsystem.

Stellen wir uns die Aufgabe 2+2 = ?? vor, dann müssen wir bei 4 ankommen. Mit dem analytischen Wahrnehmungs- und Denkstil nimmt man die kürzeste, schnellste und effizienteste Strecke der Datenautobahn. Die Minderheit der Bevölkerung mit einem holistischen Wahrnehmungs- und Denkstil nimmt die Landstrasse mit Sehenswürdigkeiten, was viel spannender ist als die langweiligen monotonen Autobahnen. Die Menschen mit einem holistischen Stil kommen damit wahrscheinlich später beim Aufgabenverständnis und des daraus entstehenden Resultates an. Bis ALLES wirklich verarbeitet und geprüft wurde, braucht es viel Zeit. Das erklärt, dass hochsensible Kinder oft schulische «Spätzünder» sind und als Erwachsene kaum spontan reagieren können.

Reizoffenheit

Reizoffenheit bedeutet aus meiner Erfahrung, dass ein Mensch Reize im Übermass wahrnimmt, auch solche, die für die Situation nicht relevant sind. Hier möchte ich kurz den Unterschied bei AD(H)S und Hochsensibilität aufzeigen. Bei Menschen mit AD(H)S werden vor allem die äusseren Reize im Übermass wahrgenommen (Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken). Diese Menschen gehen jedem Reiz nach und können «Wichtig» und «Unwichtig» nicht auseinanderhalten. Diese Reize werden auch nicht tiefer bearbeitet. Im Gegensatz zur Hochsensibilität, denn hier werden die permanent einströmenden Reize, äussere, innere (Körper), Gefühle, sowie übersinnliche/feinstoffliche und spirituelle Reize verstärkt wahrgenommen. Das kann so weit gehen, dass gewisse Reize als Schmerzen empfunden werden. Alle diese Reize werden tiefgründig und gründlich bearbeitet, alles wird reflektiert und nichts geht vergessen. Ich spreche bei Hochsensiblen deshalb lieber von Durchlässigkeit.

Nun komme ich zurück zur Darstellung von B. Trappmann.

Reizoffenheit verstärkt die genannten Effekte um ein Vielfaches. Wenn nun Reizoffenheit auf einen analytischen Stil trifft, entsteht das Chaos im Kopf wie dies beim AD(H)S der Fall ist. Ihr könnt euch vorstellen, dass diese Person auf der Datenautobahn immer schneller fährt und das was um sie herum zu sehen ist, kaum noch sieht. Das heisst, ein Kind, das auf dem Pausenplatz steht, sieht vielleicht die Kinder beim Ballspielen. Es läuft dahin, um mitzumachen, sieht während des Laufens einen Greifvogel auf einem Baum landen und bleibt stehen, um diesen zu beobachten. Bevor das Kind aber zum Beobachten kommt, hört es ein lautes Pfeifen, dreht sich um und geht dem Pfeifen nach, auf dem Weg dahin sieht es eine Schnecke und wendet sich dieser zu um im nächsten Augenblick dem vorbeifliegenden Blatt hinterherrennt…usw. Er wird so nicht ins Handeln kommen oder eine Aufgabe fertig stellen. So ist das dann auch im Schulzimmer oder beim Hausaufgaben machen.

Personen, die ihre Informationen nach dem holistischen Stil verarbeiten, werden noch bestrebter sein, sämtliche Wege und Trampelpfade auszuprobieren. Das kann so weit gehen, dass die Person von aussen gesteuert werden muss, um wieder auf Kurs zu kommen. Dieses Kind würde, wenn man auch die Pausenplatzsituation nimmt, die Kinder beim Ballspielen sehen und überlegen, bei wem es mitspielen soll, wie es den anderen am besten mitteilt, dass es auch mitspielen will oder es überlegt, ob der Rasen nass ist und rutschig ist, ob es ausrutschen könnte und was es dann mit den schmutzigen Kleidern machen soll, ob es dann kalt hat im Unterricht usw. Dieses Kind kommt lange nicht in die Handlung und so ist die Pause, wenn es parat wäre schon um.

BAS- / BIS- Typen (Behavioral Activation / Inhibation System)

Diese Typen bezeichnen die gegensätzlichen Reaktionspräferenzen der Menschen. Wenn der Denker mit dem BAS-Typ bei der Antwort, dem Ziel der vorher genannten Rechnungsaufgabe angekommen ist, kann er es kaum erwarten sein Resultat mitzuteilen. Teilweise geben diese Menschen auch Zwischeninformationen ab. Dem BIS-Typ hingegen liegt nicht viel daran das Ergebnis mitzuteilen, vielmehr würde er das Ganze nochmals wiederholen. Für ihn ist sein Tun ein Genuss. Er würde am liebsten alles komprimieren und nur eine finale und effektive Handlung zeigen. Das Handeln ist für den BIS- Typ anstrengend, darum muss es tief durchdacht und sicher sein.

Nun, wenn bei einem analytischen Wahrnehmungs- und Denkstil, Reizoffenheit mit einem BAS- oder BIS zusammentrifft, werden auch hier die genannten Verhaltenstendenzen verstärkt. So verhalten sich BAS-Typen impulsiv und hyperaktiv «Zappelphilipp» und BIS-Typen verhalten sich still und lethargisch «Träumerchen». Das sind die «echten» Formen von AD(H)S.

Dem gegenüber steht der holistische Wahrnehmungs- und Denkstil und somit die Hochsensibilität. Der BAS-Typ zeigt sich in Form des «High Sensation Seekers» (HSS) und der BIS-Typ ist die stille, zurückhaltende Form. Der HSS kann sehr viele Daten parallel verarbeiten und sucht ständig nach neuen Reizen. Einmal Erlebtes ist danach langweilig. Er fühlt sich innerlich angetrieben obwohl er sich von seinen Aktivitäten erholen müsste. Der HSS liebt riskante Aktivitäten. Natürlich können auch «normal» Hochsensible Anteile des HSS haben. Die Mehrheit, aller Hochsensiblen gehören jedoch zu den BIS-Typen und ziehen ein ruhigeres Leben vor.

 

Fazit:

Hochsensibilität und AD(H)S liegen nahe beieinander. So ist es auch klar, dass viele Hochsensible einen falschen Stempel erhalten.

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* B. Trappmann (2016). Hochsensitiv: Einfach anders und trotzdem ganz normal. Leben zwischen Hochbegabung und Reizüberflutung. Kirchzarten bei Freiburg: VAK.